Geschichte

Die Kunst, sich mit verschiedenen Tricks, oder besser gesagt mit Schnelligkeit und List gegen einen weitaus stärkeren Gegner zu verteidigen, besteht schon seit der Zeit, da es Menschen auf dieser Erde gibt. Denn mit den Menschen wurde der ewige Kampf geboren, und wo man den Kampf übt, übt man die Verteidigung. Die ältesten Aufzeichnungen, die sich darüber in unseren Händen befinden, dürften wohl die Wandmalereien in den alten ägyptischen Königsgräbern sein. Aber auch im Mittelalter wurde bis zu der Zeit, als hier in Europa die ersten Feuerwaffen erfunden wurden, der Zweikampf Mann gegen Mann sehr stark gepflegt. Jeder Ritter wurde darin von seiner frühesten Jugend an trainiert. Albrecht Dürer hat viele Handzeichnungen über den Allkampf, wie diese ritterlichen Spiele damals hießen, angefertigt. In Japan und China reichen die Berichte bis ins mythologische Zeitalter zurück, und es wird im „Takanogawy“ (einer der ältesten japanischen Schriften, die den Zweikampf behandeln und die in einem tibetanischen Kloster gefunden wurde) berichtet, dass schon die Götter Kashima und Kadori verschiedene Kunstgriffe verwendet hatten, um ihre Untergebenen damit zu züchtigen. Von dieser Zeit an bis zum 17.Jahrhundert fehlen weitere Aufzeichnungen aus Japan.

Und nun beginnen sich, was die historische Entwicklung des JUJUTSU, JU/JIU-JITSU betrifft, die Geister zu scheiden. Die einen erzählen dieses, die anderen vermuten jenes.

Eine Version lautet z. B. folgendermaßen: Um das Jahr 1650 herum, soll ein Chinese namens Chin-Gen-pin oder Chuen-Juan-pin einige Tricks ausgearbeitet haben, sogenannte „tes“. Diese „tes“ oder Kniffe des JUJUTSU, JU/JIU-JITSU bestanden zu jener Zeit nur aus einigen lebensgefährlichen Schlägen und Stößen, die das Ziel hatten, den Gegner zu töten oder schwer zu verletzen und dann zu entmannen. Chin-Gen-pin soll dann nach Jedo (jetzt Tokio) gefahren sein und dort seine Kunst an drei Samuraikrieger verkauft haben, welche der Kaste der Daymios angehörten, die unter Waffenverbot stand. Diese Rittersekte hat dann das JUJUTSU, JU/JIU-JITSU weiterentwickelt und auf eine hohe Stufe gebracht.

Nach einer anderen Version soll ein japanischer Arzt aus Nagasaki – Akyjama Shirobei Yoshitoki – welcher gerade in China weilte, bei dem chinesischen Nahkampflehrer Haku-tei oder Pao-chuan die Kunst des waffenlosen Zweikampfes studiert haben.

Nach Japan zurückgekehrt, musste er aber feststellen, dass zur wirkungsvollen Ausführung eines der gelernten „tes“ oder Griffe eine große Körperkraft notwendig sei. Da beobachtete er einmal während eines Sturmes eine Weide und einen Kirschbaum. Während die starken Äste des Kirschbaumes durch die Wucht des Orkans glatt gebrochen wurden, bogen sich die dünnen geschmeidigen Äste der Weide bei jedem Windstoß und schnellten dann unbeschädigt in ihre alte Lage zurück. Durch diese Beobachtung angeregt, soll Akyjama Shirobei Yoshitoki auf den Gedanken gebracht worden sein, ein Kampfsystem zu entwickeln, bei welchem ebenfalls der Schwache „durch Nachgeben siegen“ könne. Daraufhin soll sich Akyjama Shirobei Yoshitoki auf 100 Tage in den Tennango-Tempel in Tsukushi zurückgezogen haben. In dieser Zeit, so berichten die Schriften, habe dieser japanische Arzt, von den Kenntnissen der Anatomie und Psychologie ausgehend, die Anzahl seiner „tes“ (Griffe) auf 103 und die Mittel der Wiederbelebung „kassei-ho“ auf 28 erhöht. Jetzt erst gründete Akyjama Shirobei Yoshitoki eine Schule, der er den Namen Yoshin-ryu, d. h. Weidenherzschule gab. Die geschmeidige Weide hatte ihn auf den Gedanken gebracht ein Kampfsystem mit dem Grundprinzip „Nachgeben um zu siegen“ zu erfinden. In beiden Fällen also, sowohl durch Chin-Gen-pin, welcher die Samurais in ein System des Zweikampfes einführte, als auch des Haku-tei, welcher der erste Lehrer des jungen japanischen Arztes war, scheint China als das Ursprungsland des JUJUTSU, JU/JIU-JITSU auf. Es steht aber ebenso fest, dass die gegenwärtige Perfektion des JUJUTSU, JU/JIU-JITSU fast ausschließlich japanischen Bemühungen zu verdanken ist.

Knapp nach Gründung des YOSHIN – RYU JUJUTSU, JU/JIU-JITSU durch Akyjama Shirobei Yoshitoki, entstanden noch viele andere Schulen in Japan. Jede dieser verschiedenen Lehrstätten gab ihrem System einen anderen Namen, und somit ist JUJUTSU, JU/JIU-JITSU nur die bekannteste der vielen anderen Kampfarten, welche sich kaum voneinander unterscheiden. Die bekanntesten Systeme außer dem JUJUTSU, JU/JIU-JITSU waren: Jawara, Kuguseku, Kempo, Kumiuchi und Taijitsu. Die bekanntesten japanischen Schulen sind heute auch noch: Tenchin Shinyo-ryu, Ryoichinto-ryu, Takemouchi-ryu, Kiraku-ryu, Shinnoshindo-ryu, Arato-ryu usw.

Yamamoto Tabizayemon war der Gründer der Sinnoshindo-ryu. In dieser Schule wurde wie in der Yoshin-ryu das JUJUTSU, JU/JIU-JITSU gepflegt. Die verschiedenen Griffe in diesen zwei Schulen wurden in drei Gruppen klassifiziert. In Shodan (Einführungsrang), Chudan (mittlerer Rang), Jodan (oberer Rang). Der Gründer der Tenchin Shinyo-ryu war Okayama Hochiroji oder Sekizai Minamoto, welcher sieben Jahre lang unter Hitosujanagi Oride, einem der bekanntesten JUJUTSU, JU/JIU-JITSU Lehrer des alten Japans und Gefolgsmann des Daymio Hitotsuyanagi, JUJUTSU, JU/JIU-JITSU lernte. Es wird berichtet, dass Okajama Hochiroji, der in fast allen Provinzen seines Landes studierte und sich als Wanderlehrer betätigte, einmal den Kampf gegen 100 Kulis aufgenommen hat und mit Unterstützung seines Assistenten Nishimura alle mit Leichtigkeit in die Flucht schlagen konnte. Er war es auch, der „Atemi“ – die Kunst, den Zustand eines Scheintodes hervorzurufen oder, wenn nötig, den Gegner durch gefährliche Schläge und Stöße auf lebenswichtige Organe zu töten – ausarbeitete. Nun konnte er die Anzahl seiner „tes“ oder Griffe auf 124 erhöhen. Am Höhepunkt seines Ruhmes angelangt, änderte er seinen Namen auf Iso Matayemon Yanagi Sekizai Minamoto-no-Masatari. Bis zu seinem Tod im 98. Lebensjahr arbeitete dieser große Vorkämpfer des JUJUTSU, JU/JIU-JITSU in der Folge als Lehrer in der Tenchin Shinyo-ryu.

Nachdem diese großen Meister gestorben waren, gerieten die verschiedenen Kampfsysteme fast in Vergessenheit, ja es wurde den Schülern sogar nahegelegt, diese alten japanischen Gebräuche abzulegen.

So merkwürdig es klingen mag, aber ein Deutscher, nämlich Hofrat Dr. Erwin Bälz, welcher als Dozent der Medizin an der Universität in Tokio und als Hofarzt der kaiserlichen Familie von 1876 bis 1902 beschäftigt war, sorgte für die Renaissance dieser Kampfsportart, indem er diese als Mittel gegen den schlechten körperlichen Zustand seiner Studenten einsetzte. Dr. Bälz selbst nahm bei einem der ältesten Meister, dem 70jährigen Totsuka Unterricht. Einige seiner Studenten, die ihn als europäischen Universitätsprofessor hoch verehrten, ahmten seinem Beispiel nach, doch der Großteil der Studenten wollte noch immer nichts mit JUJUTSU, JU/JIU-JITSU zu tun haben. Einer der damaligen Schüler des Dr. Bälz war ein gewisser Jigoro Kano, welcher eine außergewöhnliche Begabung und großes Interesse zeigte. Es dauerte zwei Jahre und es ist nur den Bemühungen von Dr. Erwin Bälz, Jigoro Kano und seinen Schülern zu verdanken, dass 1879 ein Turnier an der kaiserlichen Universität stattfinden konnte. Dieses Turnier verhalf der Kampfkunst JUJUTSU, JU/JIU-JITSU zu neuem Ruhm und ein sichtlich gerührter Altmeister Totsuka dankte Dr. Erwin Bälz für das Engagement beim Auflebenlassen alter japanischer Traditionen.

Zu diesem Zeitpunkt wusste man in Österreich, Deutschland und im restlichen Europa ganz wenig über JUJUTSU, JU/JIU-JITSU. Die Geschichten die man darüber erzählte, waren maßlos übertrieben. Erst 1901 konnte man auf einer Varietebühne in England die geheimnisumwitterten Techniken des JUJUTSU, JU/JIU-JITSU sehen. Durch die damals schon starke Präsenz der Presse bekam auch Kaiser Wilhelm II davon zu lesen und seine Neugierde war geweckt.

1903 nach dem russisch-japanischen Krieg kamen zwei japanische Kreuzer zu einem Freundschaftsbesuch nach Kiel. Bei diesem Anlaß bekam Kaiser Wilhelm II erstmals eine Kampfkunst „life“ zu sehen. Er war so sehr begeistert, dass er nach einem JUJUTSU, JU/JIU-JITSU Meister fragte, der an einer Militärschule die Kadetten in dieser Kunst unterrichten konnte. Ihm wurde offiziell Agitaro Ono zugeteilt. Jedoch kamen auch privat einige Japaner (Higashi, Tani, Uynichi, Mayaki) nach Deutschland um die Kampfkünste JUJUTSU, JU/JIU-JITSU und Judo zu lehren.

Erich Rahn, bedeutendster Schüler dieser Japaner, gründete 1906 die erste deutsche JUJUTSU, JU/JIU-JITSU Schule in Berlin, die heute noch existiert.

Geschichtliche Entwicklung des JUJUTSU, JU/JIU-JITSU in Österreich

Um 1900 ist JUJUTSU, JU/JIU-JITSU in Österreich durch Zirkusdemonstrationen von Japanern bekannt geworden bzw. wurde zu dieser Zeit eingeführt.

In den Jahren 1912 bis 1926 unterrichtete Karl Bauer im ersten Wiener Gemeindebezirk (Hegelgasse-WAC-Heim) JUJUTSU, JU/JIU-JITSU.

Sein bekanntester Schüler war Josef Diwischek, der sich auf JUJUTSU, JU/JIU-JITSU Techniken spezialisierte, die wenig Kraft, jedoch große Schnelligkeit erforderten und sehr fintenreich waren. Er bildete die Wiener Polizei im 3. Wiener Gemeindebezirk in der Marokaner Kaserne aus und war Leiter der Sektion JUJUTSU, JU/JIU-JITSU der Polizeisportvereinigung im 1. Bezirk Postgasse 7.

Außerdem organisierte er viele Werbeveranstaltungen, wie z.B. die „Jiu-Jitsu Sportrevue“ und eine „Jiu Do“- Vorführung von Prof. Dr.Jigoro Kano (dem Begründer des Judo), der bei einer Europa Tournee (1937) Wien besuchte.

Diwischeks bekanntester Schüler, der 1902 geborene Prof. Rautek, blieb der Stilrichtung seines Lehrers treu und entwickelte bzw. verfeinerte diese noch weiter. Seine erste Schule eröffnete Rautek im 4. Bezirk, Margaretenstr. 38. Es folgte die Gründung verschiedener Schulen in mehreren Wiener Gemeindebezirken. Außerden hielt Prof. Rautek Kurse an Volkshochschulen ab, bildete die Justizwache und die Polizei aus und unterrichtete von 1941 bis 1947 JUJUTSU, JU/JIU-JITSU an der Universitätsanstalt Wien.

Neben Karl Bauer (1912 – 1926) eröffnete Franz Sager (geboren 1891), auch bekannt unter dem Namen „Willy Curly“ (Europameister im Jiu-Jitsu) im Jahr 1919 die 1. Jiu-Jitsu Schule Österreichs mit seinem Schwager Heinz Kowalzki dem späteren Präsidenten des Sportverbandes. 1924 trennte sich Curly von Kowalzki und eröffnete in der Mariahilferstraße 85 eine nach japanischem Vorbild eingerichtete Sportschule.

Seine bekanntesten Schüler, Ing. Otto Klimek und Edmund Gabriel, gründeten den Jiu-Jitsu Club Leopoldstadt in der Taborstraße 1-3. Klimek, der gute Verbindungen zur japanischen Botschaft hatte, konnte wie Josef Diwischek eine Jiu Do Vorführung von Prof. Jigoro Kano, in seinem Club in der Taborstraße organisieren. Bei dieser Gelegenheit verlieh Prof. Kano dem Veranstalter Klimek den 2.Dan Jiu-Do.

Heinz Kowalzki, geb. 1888, führte 1926 Jiu-Jitsu beim ASKÖ ein und war bis 1928 dessen Betreuer (Fachwart) Seine bekanntesten Schüler waren Josef Kühr, Leopold Wunsch und Prosper Buchelle. Josef Kühr, geb. 1894, war im Jahr 1923 noch Boxmeister und wurde im Jahr 1924 Jiu-Jitsu Meister. Gemeinsam mit Josef Ebetshuber und Hermann Vollnhofer, forderte er im Jahre 1946, die Freistilringer im Zirkus Rebernigg erfolgreich heraus. Außerdem gründete Kühr mit Josef Ebetshuber, Stefan Achenbrenner und Baron Huber Klinger von Klingersdorf, im Jahr 1956 den Jiu-Jitsu Verband Österreich.

Josef Ebetshuber, geb. 1905, besiegte nach dem Krieg die Freistilringer im Zirkus Rebernigg, die fast alle mehr als das Doppelte seines Körpergewichts in den Ring brachten. Ebetshuber leitete viele Kurse und war bei unzähligen Lehrgängen technischer Leiter. Er bereiste bis zu seinem Tode im Jahre 1987 mehrmals das Ausland und es gibt sicher nicht viele Sportschulen in der BRD, in denen Ebetshuber nicht als Trainer oder Prüfer tätig war. Bis zuletzt leitete er seinen Jiu-Jitsu Club Donau Schwechat. Als Inhaber des 10.Dan Jiu-Jitsu war er der ranghöchste Jiu Jitsuka Europas und auch in verwandten Kampfsportarten hochgraduierter Meister.

Baron Huber Klinger von Klingersdorf, geb. 1920, lernte während der Kriegsjahre Jiu-Jitsu und entwickelte sich zu einem ausgezeichneten Kämpfer. Sein bekanntester Lehrer war Erich Rahn. Zu Kriegsende unternahm er eine Fernostreise bei der er sich unter anderem auch in Jiu-Jitsu weiterbildete. Ein späterer Trainer war der Japaner Mikonosuke Kawaishi (Nationaltrainer von Frankreich).

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